Die Kunst des antizyklischen Investierens: Die Zukunft im Blick
Portfoliomanager Zahid Kassam spricht über seine Portfoliopositionierung in volatilen Zeiten und erklärt, warum er Europa jetzt gegenüber den USA bevorzugt.
Dan Bristow: Wo findest du heute interessante Titel? Wie sieht die Länder- und Sektorstruktur deines Portfolios aus?
Zahid Kassam: Ich teile das mal ein bisschen auf. Ich glaube, dass wir zwei sehr unterschiedliche Phasen hatten. In der zweiten, nicht sehr langen, waren die Zölle das wichtigste Thema. Die Märkte waren volatil, und wie in solchen Zeiten zu erwarten, stieg unser Portfolioumsatz. Am Liberation Day war es ganz sicher auch so. Wir investieren mehr, wenn sich das Risiko-Ertrags-Profil verbessert. Wir befassen uns ständig mit unserem Portfolio, optimieren das Risiko-Ertrags-Profil. Und ja, wir investieren schon mehr, wenn die Aktienbewertungen günstiger werden. Dann kaufen wir. Die Unternehmen sind von den Zöllen unterschiedlich betroffen, selbst in ein- und demselben Sektor. Bei dem einem Autozulieferer ist es anders als bei dem anderen. Wir befassen uns intensiv damit. Wir wollen wissen, wer mit den Zöllen besser fertig werden kann als andere, und wer gar nicht.
Solche Analysen machen wir also. Wir finden Chancen bei Zyklikern mit einem hohen ROIC und ein bisschen auch bei Deep-Value-Unternehmen, bei denen die Rezession schon im Kurs berücksichtigt zu sein scheint. Und dann kam 2024, eines der größten Momentum-Jahre aller Zeiten. Natürlich zögerten wir da und warteten ab. Einige Chancen gab es für uns aber noch, eine große Übergewichtung Europas und auch ein bisschen Japans. Europa war anders als die USA, wo es kaum eine Sicherheitsmarge gab. Bei vielen Unternehmen befinden sich eher die Bewertungen auf einem Höchststand als die Gewinne, solche Dinge eben.
In Europa verbessert sich dagegen einiges. Aber das ist gar nicht wirklich nötig, wegen der Bewertungsdifferenzen. Zwischen Europa und den USA sind sie so extrem wie seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr. Und wenn dann noch Russland und die Ukraine Frieden schließen, die Energiepreise fallen, die Fiskalpolitik expansiver wird und die Zinsen fallen … Aber alles zugleich ist gar nicht nötig. Einiges davon reicht schon, und wie es scheint, sind die Aussichten dafür gut. Auch deshalb ist unsere Positionierung so, wie sie ist. Aber das liegt auch an den Krisenzeiten, als wir Zykliker mit einem höheren ROIC und Deep-Value-Unternehmen kauften. Deswegen sehen die Portfolios jetzt so aus, wie sie aussehen.
Dan Bristow: Und wie wird sich diese Strategie unter unterschiedlichen Marktbedingungen entwickeln? Glaubst du, dass sie wirklich nur in echten Value-Märkten Alpha erzielt?
Zahid Kassam: Lass mich mit dem Gegenteil anfangen. Wenn nur wenige Aktien kräftig steigen, ist das meist nichts für antizyklische Investoren. Das ist bei uns nicht anders. Solche Märkte sind für uns schwieriger. Am besten ist meiner Meinung nach die Zeit, in der die Krise endet. Dann investieren wir, denn wir orientieren uns am Risiko-Ertrags-Profil. Die Krise geht vorbei, am Markt sieht man wieder nach vorn, und es kommen bessere Zeiten. Das ist das eine. Wirklich gut sind wir aber nicht nur, wenn Value aufholt. Wir haben die Vergangenheitsperformance zerlegt. Uns interessieren Value-Aktien, wenn Substanzwerte vorn liegen – und Growth-Aktien, wenn es umgekehrt ist.
Wir nutzen drei Arten von Anlagechancen: Deep Value, Restrukturierungen und Distrusted Growth, wenig geschätzte Unternehmen mit kontinuierlichen Gewinnen. Wegen dieser drei unterschiedlichen Arten von Aktien können wir Einzelwertchancen nutzen und unter verschiedenen Marktbedingungen Erfolg haben. Antizyklisch investieren heißt nicht, dass man nur in Value-Märkten gut ist. Da gibt es schon ein bisschen mehr. Es ist schwer, eine knappe Antwort zu geben. Es gibt keine Garantien. Aber das ist meine Erfahrung.
Die hier dargestellten Meinungen sind die des Sprechers. Sie können sich von denen von MFS oder anderen MFS-Mitarbeitern unterscheiden, Prognosen sind keine Garantien.
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