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Strategie aktuell
5 min

KI-Investitionen spalten den Markt

Aktives Management kann zwischen Disruption und Überreaktion unterscheiden. Lesen Sie, was passiven Strategien entgeht.

AUTOR

Robert M. Almeida
Portfoliomanager und
Global Investment Strategist

Im Überblick

  • Durch den KI-Ausbau wird Kapital umgeschichtet. Finanzinvestitionen der Unternehmen gehen zurück, Investitionen in Rechenleistung nehmen zu.
  • Hardwareaktien stiegen überdurchschnittlich, weil mehr Hardware nachgefragt als ange-boten wird. Meist lässt eine höhere Nachfrage irgendwann auch das Angebot steigen.
  • Der Markt straft viele Daten- und Unternehmenssoftwareanbieter über Gebühr ab. Das ist eine Chance für aktive Investoren, die zwischen Disruption und Langfristpotenzial unterscheiden können.

Für den Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg gab es viele Gründe. Heute weiß man, dass auch die Stahlwerke in Pittsburgh, die Fabriken in Worcester und die Gießereien in Cleveland eine Rolle spielten. Deutschland hatte modernste Waffen, aber Amerika konnte enorme Mengen an Ausrüstung produzieren, transportieren, reparieren und ersetzen. Mit überlegener Technologie kann man eine Schlacht gewinnen – den Krieg gewinnt man aber nur mit überlegener Kapazität.

Nach dem Krieg hatten die USA jahrzehntelang beides. Ihr Wohlstand wuchs. Aber seit den 1990ern hat die Globalisierung viel verändert. Das Kapital floss in geistige Eigentumsrechte, Aktienrückkäufe, Dividenden, Fusionen und Übernahmen sowie Outsourcing – und nicht in physische Aktiva. Auch in den späteren großen Investitionszyklen – Telekommunikation in den 1990ern, Wohnimmobilien in den 2000ern – floss kaum Kapital in die Industrie.

Und das hat Folgen. KI mag zwar in der Cloud stattfinden, aber deren Basis ist sehr bodenständig. Jedes Modell, jede Anfrage und jedes Datencenter braucht Strom, Halbleiter, Speicherchips, Kupfer, Stahl, Beton, Kühlung, Fachleute, Lizenzen, Logistik und Kapital. Jahrzehntelang wurde zu wenig investiert, und Produktionsverlagerungen ins Ausland ließen die Margen steigen. Aber jetzt haben die USA weniger Reserve-kapazitäten als früher. Man sieht das an den Gewinnen. Manche Hardwarefirmen verlangen enorme Preise, und die Inflation bleibt hoch.

Dadurch ändert sich jetzt der Kapitalzyklus: Finanzinvestitionen waren gestern. Jetzt sind wieder physische Aktiva gefragt, die man für mehr Rechenleistung braucht. Für Märkte und Portfolios hat das zweierlei Konsequenzen.

Erstens: Knappheit gewinnt

Zunächst reagierte der Markt recht eindeutig: Wer etwas besonders Knappes anbot, verzeichnete Kursgewinne.

Hardware, Rechenleistung, Speicherchips, Stromversorgung –diese und andere kapitalintensive Branchen lagen vorn. Die Nachfrage war höher als das Angebot. Oft ermöglichte die Angebotslücke kräftige Preiserhöhungen und höhere Gewinne. Die knappen Güter lassen sich kurzfristig kaum substituieren. Anbieter haben echte Preismacht.

Aber dabei geht es noch immer um Hardware. Hohe Preise locken Kapital an. Mehr Kapital lässt das Angebot steigen. Das höhere Angebot schwächt die Preismacht, mit Auswirkungen auf Erträge und Bewertungen. Die Gewinner von heute können durchaus noch wachsen – aber Anleger sollten nicht meinen, dass die Knappheit in Stein gemeißelt ist. In kapitalintensiven Branchen führt eine außergewöhnliche Rentabilität in der Regel bald zu einer Normalisierung der Margen. Die Geschichte lässt da wenig Zweifel.

Zweitens: Der Markt straft zu undifferenziert ab

Aktien aus den Bereichen Software, Datenbanken, Informationsdienstleistungen und unter- nehmenskritische Prozesse wurden abgestraft – oft selbst dann, wenn sie die Gewinn-erwartungen erfüllten und nur wenig für fallende Umsätze sprach.

Das Urteil des Marktes war eindeutig: Software ist schlecht, Rechenleistung ist gut, Disruption  ist allgegenwärtig. Wir halten das für zu einfach.

KI dürfte manche Basissoftware – für repetitive, weniger wichtige oder leicht replizierbare Arbeitsabläufe – austauschbar machen. Die Risiken sind aber nicht für alle Anbieter gleich. Wer vor allem mit Schnittstellen oder einfacher Informationsgewinnung Geld verdient, könnte Schwierigkeiten bekommen. Wer aber Software für die Verarbeitung eigener Daten, für integrierte oder regulierte Prozesse, Prüfung und Compliance oder die Speicherung unternehmenskritischer Informationen anbietet, könnte es leichter haben. Hier zählt nicht allein der Programmcode; entscheidend sind Vertrauen, Governance, Fachwissen, die Historie und die prozessimmanenten Rechenschaftspflichten. KI kann eine schwache Wettbewerbsposition weiter untergraben – und eine starke weiter festigen.

Warum vertrauenswürdige Antworten wertvoller werden können

An dieser Stelle kommt das Jevons-Paradoxon ins Spiel. Wenn etwas durch neue Technologien billiger wird, steigt oft die Nachfrage. Als Computer billiger wurden, wurden sie häufiger genutzt. Als Speicherchips billiger wurden, wuchsen die Datenmengen. Billigere KI-generierte Analysen könnten die Nachfrage nach Antworten, Szenarien, Prozessen und Entscheidungshilfen wachsen lassen. Aber wenn generische Antworten billiger werden, könnten wirklich vertrauenswürdige Antworten plötzlich sehr viel mehr wert sein als zuvor.

In einer Welt voller KI können Antworten leicht generiert werden. Aber wie kann man ent-scheiden, ob die Antwort korrekt, rechtssicher, überprüfbar und zielführend ist? Das ist wichtig für Unternehmen mit eigenen Datenbanken und Aufzeichnungssystemen, etablierten Kundenbeziehungen und spezifischen Prozessen, die ein großes Sprachmodell nicht leicht nachbilden kann. Das betrifft vor allem Dienstleister, Datenbankanbieter und andere Firmen, deren Daten man vertrauen muss und die in wichtige Prozesse einfließen. Bisweilen werden solche Firmen vom Markt heute so bewertet, als würde KI sie vollkommen obsolet machen. Manchmal mag das stimmen. Manchmal kann KI aber auch dazu führen, dass die Kunden abhängiger von ihnen werden – denn ihr Angebot ist strategisch wichtig.

Fazit

Passive Strategien investieren in beide Seiten des Wandels – in Firmen, die von KI profitieren, und in Firmen, deren Margen, Wettbewerbsvorteile oder Bewertungen unter Druck geraten könnten. Es wird nicht unterschieden zwischen Unternehmen, die künftig mehr verdienen, und Firmen, denen das nicht gelingt. Die Strategien differenzieren nicht zwischen Anbietern von Software, die leicht ersetzt werden kann, und Anbietern prozesskritischer Programme, die wichtige Daten liefern, die überprüfbar und vertrauenswürdig sein müssen – erst recht in Zeiten von KI.

KI-Investitionen spalten den Markt schon jetzt. Hardware ist wirklich knapp, aber Kapitalzyklen enden irgendwann. KI führt zu Disruption, aber nicht überall. Man muss unterscheiden zwischen vorübergehenden Knappheiten und dauerhafter Rentabilität – ebenso wie zwischen echter Disruption und Überreaktionen des Marktes. Man braucht ein Skalpell, aber der Markt greift oft zum Hammer. Umso mehr kann aktives Management leisten. Es reicht nicht, in KI-Gewinner zu investieren und KI-Verlierer zu meiden. Man muss herausfinden, welche Unternehmen etwas anbieten, das durch KI obsolet wird – und wer etwas produziert, das durch KI nur noch wichtiger wird.

 

 

Alle Anlagen gehen mit gewissen Risiken einher, einschließlich des Risikos eines möglichen Kapitalverlusts.

Die hier dargestellten Meinungen sind die des Autors/der Autoren und können sich jederzeit ändern. Sie dienen ausschließlich Informationszwecken und dürfen nicht als Empfehlung oder Angebot zum Kauf eines Wertpapiers oder als Anlageberatung verstanden werden. Prognosen sind keine Garantien. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist keine Garantie für künftige Ergebnisse.

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