Künstliche Intelligenz ist keine reine Aktienstory mehr. Sie wird immer mehr auch zu einem Anleihenthema, wegen ihrer Auswirkungen auf Emissionsvolumina, Kreditqualität, Sektorentwicklungen, Finanzierungskosten und die Ertragsanteile von Alpha und Beta. Für Anleiheninvestoren zählt weniger, wer von den KI-Ausgaben profitiert. Entscheidend ist, welche Unternehmen sie problemlos tragen können, ob die Investitionsrendite reicht und ob sie über den Konjunkturzyklus stabil sind. Es kommt also auf den Mehrertrag aus der Einzelwertauswahl an, auf das Alpha.
Im Überblick
- KI-Investitionen sind ein langfristiges Credit-Thema, aber man muss wählerisch sein. Der KI-Ausbau dürfte weiter für Wachstum sorgen. Bei Credits zählen aber unternehmensspezifische Fundamentaldaten wie Finanzierungsstrukturen, Verschuldungsgrade und Cashflows.
- Achten Sie auf die Markttechnik. Künftig dürften immer mehr Investmentgrade-Anleihen der KI-Finanzierung dienen. Das gilt vor allem für die Sektoren Technologie, Versorger, Infrastruktur, Rechenzentren und Telekommunikation sowie für ausgewählte Industrieunternehmen.
- Die Fundamentaldaten entwickeln sich auseinander. In vielen Sektoren lässt KI die Kredit-qualität stärker streuen. Umso wichtiger wird die Kreditanalyse.
- Die Streuung dürfte zunehmen. Die Märkte werden vermutlich immer stärker differenzieren –zwischen Unternehmen, die ihr Wachstum zumindest zum Teil selbst finanzieren können, und solchen, die stark auf Anleihenemissionen, Private Capital oder Projektfinanzierungen angewiesen sind.
- Einzelwertauswahl ist der wichtigste Alphafaktor. Wegen der engen Spreads und der unterschiedlichen Fundamentaldaten ist ein Einzelwertansatz aussichtsreicher als eine Beta-Strategie.
KI ist jetzt auch ein Anleihenthema
Aus einer Wachstumsstory am Aktienmarkt wird jetzt eine Finanzierungsstory am Anleihenmarkt. Was mit wenigen Technologieaktien begann, wurde zu einem der größten Investitionszyklen seit Jahrzehnten – nicht zuletzt wegen der hohen Ausgaben der Hyperscaler und des amerikanischen One Big Beautiful Bill Act (OBBBA) im Jahr 2025 mit seiner steuerlichen Forschungs- und Investitionsförderung. Das brachte die Konjunktur entschieden voran: Die KI-Ausgaben förderten das Wachstum, die Unternehmensgewinne blieben stabil. Die nächste Entwicklungsstufe dürfte aber stärker fremdfinanziert sein. Für Anleiheninvestoren ist das wichtig, weil zusätzliche Ausgaben jetzt Auswirkungen auf den Verschuldungsgrad, den Zinsaufwand, den Zugang zu Fremdkapital und die Kapitalrendite haben können. Je mehr KI-Investitionen fremdfinanziert werden, desto unterschiedlicher dürften sich die einzelnen Credits entwickeln. Für aktive Anleiheninvestoren wird die Einzelwertauswahl daher sehr wichtig.
Der KI-Investitionszyklus: Rechenzentren entmystifiziert
Wenn vom KI-Ausbau die Rede ist, denken Anleger meist an Rechenzentren – riesige Einrichtungen, die Strom, Kühlung, Haupt- und Grafikprozessoren, Speicherchips, Netzwerktechnik und Glasfaserverbindungen benötigen. Bislang floss der Großteil der KI-Investitionen gewissermaßen in Hüllen – Grundstücke, Bauten, Energieinfrastruktur und Kühlsysteme. Viele Sektoren haben davon profitiert, von Baumaschinenfirmen bis zu Herstellern von Kraftwerkstechnik. Weil das jetzt weitgehend abgeschlossen ist, dürften sich die Ausgaben in Richtung Technologie verlagern – Chips, Server und Netzwerktechnik. Das erklärt, warum Halbleiter jetzt Lieferzeiten von mehreren Quartalen und KI-Investitionen Auswirkungen auf mehr Anleihenemittenten und Sektoren haben.
Auswirkungen auf den Anleihenmarkt
Die wichtigste Konsequenz für den Anleihenmarkt sind höhere Emissionsvolumina. Schon jetzt wurden Hunderte Milliarden Dollar in Rechenzentren investiert, und zum Ende dieses Jahrzehnts dürften es mehrere Billionen sein. Die Hyperscaler – Microsoft, Alphabet, Amazon, Meta und Oracle – bleiben die wichtigsten Nachfrager. Dank ihrer Investmentgrade-Ratings und hohen Cashflows konnten sie den bisherigen KI-Ausbau durch Anleihen mit extrem engen Spreads finanzieren. Wie Abbildung 3 zeigt, waren neue Investmentgrade-Anleihen die bislang wichtigste Fremdkapitalquelle.
Mit dem Wachstum der KI begeben auch ratingschwächere Emittenten Anleihen und Private Credit. Diese Emittenten sind oft weniger stabil, ihre Geschäftsmodelle sind weniger bewährt, und ihr künftiger Erfolg ist unsicherer als bei den Hyperscalern. Manche neue Compute-as-a-Service-Anbieter setzen daher auf neuartige Finanzierungsformen, besichert mit Grafikprozessoren. Die Rendite kann attraktiv sein, aber die Kreditrisiken sind schwer einzuschätzen. Die Nachfrage nach zusätzlicher Rechenleistung spielt ebenso eine Rolle wie Nutzung, Auslastung und Wert der Sicherheiten. Anleiheninvestoren müssen analysieren, welche Kreditnehmer ausreichend nachhaltige Cashflows erwirtschaften, um den Schuldendienst leisten zu können – und welche Probleme bekommen, wenn die Wachstumserwartungen unerfüllt bleiben. Je mehr emittiert wird, desto stärker dürften sich die Fundamentaldaten von KI-Credits auseinanderentwickeln.
Die Markttechnik könnte ebenso wichtig sein wie die Fundamentaldaten. Anleihen mit KI-Bezug dürften sich auf einige wenige Sektoren konzentrieren, darunter Technologie, Kommunikationsdienstleistungen, Versorger und Infrastruktur sowie ausgewählte Industriewerte. Langfristig könnte deren Benchmarkanteil wachsen, sodass alte Schwergewichte wie der Bankensektor an Bedeutung verlieren. Bis jetzt wurde das neue Angebot gut aufgenommen: Große KI-Emissionen verteilten sich meist auf mehrere Laufzeiten und waren vielfach überzeichnet. Die Emittenten haben enge Spreads durchgesetzt. Aber das ist nicht garantiert. Wenn die Anlegernachfrage nachlässt und das Angebot hoch bleibt, kann der Markt vielleicht nur noch bei höheren Spreads geräumt werden.
Warum die Einzelwertauswahl so wichtig wird
Deshalb wird die Einzelwertauswahl zur zentralen Alphaquelle. Die Spreads von Technologieanleihen sind noch immer extrem eng; die höchsten und die niedrigsten Spreads liegen ungewöhnlich nah beieinander. Tatsächlich bewertet der Markt viele KI-nahe Credits zurzeit so, als entwickelten sich ihre Fundamentaldaten parallel. Abbildung 4 zeigt allerdings das Gegenteil: Als die Volatilität 2025 und 2026 stieg, drifteten die Spreads im Technologiesektor deutlich stärker auseinander als am Investmentgrade-Markt insgesamt. Das spricht für viele Titel mit einem hohen Beta. Die Anleihenkurse könnten sich also schnell ändern, wenn Anleger zwischen langfristig stabilen und höher verschuldeten, spekulativeren Emittenten zu unterscheiden beginnen.
Für aktive Manager ist diese Kombination aus engen Spreads, höheren Emissionen und einer stärkeren Streuung eine sehr gute Basis für die Einzelwertauswahl. Es geht nicht darum, einfach nur in KI-Titel zu investieren. Man muss differenzieren zwischen Unternehmen mit stabilen Cashflows, soliden Finanzierungsplänen und einem akzeptablen Leverage auf der einen Seite und Firmen mit sehr optimistischen Wachstumsaussichten oder unzureichenden Finanzierungsstrukturen auf der anderen. Wenn die Gesamtmarkt-Spreads so niedrig sind wie heute, muss man solche Unterschiede erkennen, um Mehrertrag zu erzielen.
Fazit: Vom KI-Beta zum Anleihen-Alpha
KI-Investitionen dürften auf absehbare Zeit ein wichtiges Marktthema bleiben. Bei Anleihen sind Investitionen in den gesamten KI-Sektor künftig aber wohl weniger attraktiv als eine differenzierte Einzelwertstrategie. Wenn an die Stelle der Aktieneuphorie jetzt Kreditfinanzierungen treten, müssen Anleger analysieren, wer Wachstum finanzieren, nachhaltige Kapitalrenditen erzielen und langfristig stabil bleiben kann. Das führt zu attraktiven Alphachancen. Enge Spreads und höhere Investitionen sprechen zunehmend gegen passive Anlagen. Die immer stärkere Streuung der Spreads schafft aber Chancen für die Einzelwertauswahl. Anleiheninvestoren sollten nicht einfach nur der KI-Story hinterherlaufen, sondern zwischen langfristigen Credit-Storys und überkauften oder anfälligen Finanzierungsstrukturen unterscheiden. Wir meinen, dass sich der KI-Ausbau vor allem für Investoren lohnen kann, die die immer unterschiedlicheren Spreads für eine disziplinierte Einzelwertauswahl nutzen. KI-Beta war gestern. Anleihen-Alpha ist morgen.
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AUTOREN
Benoit Anne
Senior Managing Director,
Strategy and Insights Group
David Peterson
Lead Analyst,
Strategy and Insights Group