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Strategist’s Corner

Warum stetiges Gewinnwachstum so attraktiv ist

Qualitätsunternehmen mit stetigem Gewinnwachstum liegen über den vollen Marktzyklus meist vorn. Erfahren Sie, warum das für langfristige Investoren heute wichtiger ist denn je.

AUTOR

Robert M. Almeida
Portfoliomanager und
Global Investment Strategist

Im Überblick

  • Boomende Märkte locken Anleger leicht in zyklische Unternehmen. Aber die Gewinne sind oft nur von kurzer Dauer. Einbrüche drohen, die sich nicht so leicht wieder ausgleichen lassen.
  • Qualitätsunternehmen mit einem stetigen Gewinnwachstum eignen sich für langfristige Anleger oft besser.
  • Angesichts der negativen Skaleneffekte mancher KI-Unternehmen muss man gerade hier besonders wählerisch sein.

Wenn die Märkte boomen, können Anleger dem Lockruf zyklischer Unternehmen kaum widerstehen. Ob in der kreditgetriebenen Hausse Mitte der 2000er, beim Rohstoffboom nach dem Lockdown oder in der aktuellen Technologieeuphorie mit hohen Gewinnen von Hardwareherstellern – das Narrativ war stets dasselbe: Dieses Mal ist alles anders.

Die Geschichte ist voller Storys von Unternehmen, die als Lizenz zum Gelddrucken galten. Aber im Grunde waren es alles verkappte Zykliker. In den 1720ern konnten Anleger gar nicht schnell genug in die South Sea Company investieren, die ein weltweites Handelsmonopol versprach. Doch als die Gewinne die Erwartungen nicht erfüllten, verloren sie fast alles. Hundert Jahre später hieß es, dass Eisenbahnen die Welt verändern würden. So kam es auch, aber intensiver Wettbewerb und Überkapazitäten bewirkten, dass die Investoren nur Verluste einfuhren.

Die Geschichte lehrt uns, dass jeder Boom irgendwann ein Ende hat. Solange die Kurse steigen, wirken die Mehrerträge wie Dopamin. Wie viel man aber letztlich verdient, hängt vom gesamten Zyklus ab.

Deshalb ist MFS bei Zyklikern grundsätzlich skeptisch. Stattdessen setzen wir auf Qualitäts-unternehmen mit langfristigem Wachstumspotenzial, sogenannte Compounder. Anfang 2026, inmitten der Technologieeuphorie, betrachten wir beispielhaft die Entwicklung über den gesamten Marktzyklus.

Eine Geschichte zweier GuV

Betrachten wir einmal einen hypothetischen Zehnjahreszeitraum mit zwei Unternehmen: Compounder Industries und Cyclicals Inc.

Wie Abbildung 1 zeigt, stehen beide Unternehmen zu Beginn ähnlich gut da – mit 100 Millionen Dollar Jahresumsatz und einer ordentlichen Gewinnmarge von 30%. Umsatz und Kosten von Compounder Industries steigen zunächst stetig um 10% p.a., sodass die Marge unverändert bleibt. „Einmal entwickeln, immer verkaufen“ ist das Motto. Man setzt auf stetige Gewinne durch niedrige variable Kosten und ausgeprägte Produktdifferenzierung.

 

Abbildung 1: Wenn der Boom endet, arbeitet die Mathematik gegen Zykliker

 

Jahr 1

Jahr 2

Jahr 3

Jahr 4

Jahr 5

Jahr 6

Jahr 7

Jahr 8

Jahr 9

Jahr 10

 
             

Wie zuvor

Wie zuvor

Boom beginnt

Höhe-punkt

Boom endet

Ein-bruch

Ein-bruch

Erholung

Erholung

 

Compounder Industries

Umsatz (Mio. USD)

100

110

121

133

146

161

177

195

214

236

 

Wachstum (%)

 

10

10

10

10

10

10

10

10

10

 

Kosten (Mio. USD)

70

77

85

93

102

113

124

136

150

165

 

Kosteninflation (%)

 

10

10

10

10

10

10

10

10

10

 

Gewinn (Mio. USD)

30

33

36

40

44

48

53

58

64

71

478

Gewinnmarge (%)

30

30

30

30

30

30

30

30

30

30

 

Cyclicals Inc.

Umsatz (Mio. USD)

100

105

110

154

201

221

132

109

114

120

 

Wachstum (%)

 

5

5

40

30

10

-40

-18

5

5

 

Kosten (Mio. USD)

70

74

77

93

110

126

106

87

86

84

 

Kosteninflation (%)

 

5

5

20

19

14

-16

-18

-2

-2

 

Gewinn (Mio. USD)

30

32

33

62

90

95

26

22

28

36

454

Gewinnmarge (%)

30

30

30

40

45

43

20

20

25

30

 

Dieses Beispiel ist hypothetisch und beruht nicht auf echten Daten. Es dient ausschließlich der Information.
 

Dann kommt der Boom. Cyclicals Inc. profitiert direkt von einer neuen Technologie oder einer anderen wirtschaftlichen Veränderung. Der Umsatz wächst um enorme 40%. Der plötzliche Anstieg der Gewinnmarge auf 45% lockt Anleger an. Sie verkaufen Compounder Industries und schichten in Cyclicals Inc. um. In den nächsten drei Jahren lassen Margen und Gewinne von Cyclicals Inc. den Markt deutlich hinter sich. 

Die Asymmetrie des Einbruchs

Im siebten Jahr ist der Boom vorbei. Weil neue Wettbewerber an den Markt kommen, steigt das Angebot. Die Umsätze von Cyclicals Inc. fallen um 40%. Trotz massiver Sparmaßnahmen und Entlassungen halbiert sich die Gewinnmarge.

Natürlich ist dieses Szenario hypothetisch, aber Ähnliches gab es schon oft. Das Beispiel soll eine  mathematische Falle verdeutlichen, die Anleger oft übersehen: Um einen 40-prozentigen Umsatz-einbruch auszugleichen und wieder das Maximum von Jahr 6 zu erreichen, braucht Cyclicals Inc. mehr als einfach nur ein gutes Jahr. Vielmehr muss der Umsatz in einem einzigen Jahr um 67% steigen, allein um den Einbruch wettzumachen. Das ist eine enorme Hürde, die Compounder Industries nie überwinden muss.

Der gesamte Zyklus

Beide Unternehmen erreichen zwar einen ähnlich hohen Gesamtgewinn von gut 450 Millionen US-Dollar, aber der Weg dorthin ist sehr verschieden. Der Gewinn von Compounder Industries war längst nicht so volatil, und ab dem siebten Jahr war er etwa doppelt so hoch wie der von Cyclicals Inc., wie Abbildung 2 zeigt.

Cyclicals Inc. lag im Boom zwar klar vorn, aber dann kam der Einbruch. Den Sprint hat das Unternehmen gewonnen, aber den Marathon verloren. 

Fazit

In den letzten Jahren haben Anleger massiv in Unternehmen umgeschichtet, die zyklische Produkte herstellen, vor allem die für KI erforderliche Hardware. Manche KI-Modelle haben aber schon jetzt negative Skaleneffekte: Jede Anfrage verursacht hohe Rechenkosten, die höher sind als der zusätzliche Umsatz. In der Zeit von Internet 2.0 war es völlig anders. Damals ermöglichten Netzwerkeffekte extrem rentable Monopole. Wir glauben, dass man wegen der heute anderen Ausgangslage wählerisch sein muss, statt in sämtliche Technologieunternehmen zu investieren.

„Qualität“ ist ein im Assetmanagement inflationär gebrauchter Begriff und fast schon eine Floskel. Dabei ist Qualität viel mehr. Sie verhindert, dass man zum Opfer der Mathematik wird.

Wir bevorzugen daher Unternehmen, denen wir Gewinnwachstum durch differenzierte Produkte und Skaleneffekte zutrauen. Compounder mögen im Boom hinten liegen, so wie jetzt. Geduldigen Langfristinvestoren mit umfassenden Fundamentalanalysen bieten sie aber oft mehr.

 

 

Die hier dargestellten Meinungen sind die des Autors/der Autoren und können sich jederzeit ändern. Sie dienen ausschließlich Informationszwecken und dürfen nicht als Empfehlung oder Angebot zum Kauf eines Wertpapiers oder als Anlageberatung verstanden werden. Prognosen sind keine Garantien. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist keine Garantie für künftige Ergebnisse.

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