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Strategie aktuell
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Zahlen statt Narrative: Die nächste Phase der KI

KI hat den Markt irritiert. Wenn aber KI-Firmen an die Börse gehen und ihre Berichtspflichten strenger werden, könnten Anleger die lange erhofften Unternehmensinformationen bekommen.

AUTOR

Robert M. Almeida
Portfoliomanager und Global Investment Strategist

Im Überblick

  • KI wird nicht alle Softwarefirmen und Informationsdienstleister gleich treffen.
  • Führenden Software- und Datenanbietern könnte es sogar nützen, wenn Kunden mehr Kontrollen, Prüfprotokolle und Genauigkeit verlangen.
  • Wenn große KI-Firmen an die Börse gehen, werden ihre Berichtspflichten strenger. Statt Storys sind dann mehr harte Zahlen gefragt. Es wird neue Gewinner geben – und neue Verlierer.

Im Februar haben wir in zwei Beiträgen die Auswirkungen Künstlicher Intelligenz auf Softwarefirmen und Informationsdienstleister untersucht.

Zunächst ging es darum, wie KI Softwarefirmen ihre Preismacht nehmen und ihren Erträgen langfristig schaden kann. Danach haben wir gezeigt, dass sich die Disruption keineswegs auf Software beschränken muss. Es kann ebenso gut andere Branchen treffen, deren Geschäftsmodelle auf Informationssymmetrien, menschlicher Expertise und komplexen Prozessen beruhen.

Die Kernthese war beide Male dieselbe: Am Markt ist man sich dieser Risiken zwar bewusst, doch wird KI für verschiedene Firmen unterschiedliche Konsequenzen haben. Disruption ist etwas anderes als Zerstörung, und sie trifft nicht alle gleich. Natürlich kann aus KI-Modellen am Ende Massenware werden, und kaum etwas ist ausgeschlossen. Dennoch glauben wir, dass sich manche Infrastruktur- und Datenanbieter über mehr Kunden freuen können. Dann erfüllt sich das Jevons-Paradoxon: Effizienzgewinne bedeuten für sie nicht weniger, sondern mehr Nachfrage.

Ein gutes Beispiel scheinen uns die Anbieter unternehmenskritischer Softwaresysteme zu sein. Sie gehen weit über einfache Anwendungen hinaus. Es handelt sich um Plattformen für ganze Arbeitsprozesse – von der Entscheidungsfindung bis zur Compliance und zum Berichtswesen. Oft nutzen sie eigene Zeitreihen und gelten unternehmensweit als vertrauenswürdige Informationsquelle. Die Kosten eines Versagens sind deutlich höher als die reinen Softwarekosten und damit maßgeblich für die Kaufentscheidung.

KI könnte solche Anwendungen noch wertvoller machen. Wenn KI-generierte Ergebnisse in den Arbeitsprozess einfließen, sind Datenintegrität, Überprüfbarkeit und Kontrollmecha-nismen wichtiger denn je. KI kann leicht Antworten geben, aber man muss wissen, ob man ihnen vertrauen kann. Das kann Nutzer von einem Wechsel abhalten und etablierten Systemen nützen.

Echten Nutzen stiftet dann nicht mehr generative KI, sondern Anwendungen, die KI in die Arbeitsprozesse integrieren, eigene Daten nutzen und die Produktivität messbar steigern. Im Software- und Dienstleistungssektor schafft das Gewinner und Verlierer. Wir rechnen mit Chancen und Risiken zugleich.

Auch wenn wir KI stets für sehr interessant hielten, mangelte es bislang an harten Daten. Das kann sich bald ändern.

Ein möglicher Wendepunkt: KI-Firmen gehen an die Börse

Wenn KI-Firmen wie Anthropic und OpenAI an die Börse gehen, könnte das ein wichtiger Wendepunkt sein. Anleger werden dann transparenter darüber informiert, wie sie Mehrwert schaffen.

Solange ein Unternehmen nicht börsennotiert ist, lässt sich oft nur schwer sagen, wo es wirklich Umsatz erzielt, wo es rentabel ist und wie nachhaltig die Gewinne sind. Ausgewählte Statements, Anekdoten oder Geschichten über die ersten Nutzer bestimmen oft die Narrative. Anleger müssen dann mehr raten, als dass sie wirklich etwas wissen.

Mit dem Börsengang ändert sich das. Wenn offener über Kundensegmente, Übernahmepläne und einzelne Prozesse informiert wird, erfährt man mehr darüber, wo KI alte Anwendungen ersetzt und nicht einfach nur die Prozesse beschleunigt. Wichtig ist auch, dass Börsen eine kontinuierliche Rechenschaftspflicht verlangen, wie sie bei Private Capital nicht üblich ist.

Kurz gesagt: Was dann in Interviews oder in Podcasts geäußert wird, muss zur Finanzbericht-erstattung passen. Alles andere hätte Konsequenzen.

Warum das wichtig ist: Von Storys zu Fakten

Das wäre eine wichtige Veränderung. Wir glauben, dass Spekulationen dann durch Überprüfungen ersetzt werden. Bislang haben die Märkte auf die KI-bedingte Unsicherheit mit undifferenzierten Kursanpassungen reagiert, vor allem bei Software-, Datenbank- und Informationsdienstleistungswerten. Im Grunde sind Anleger skeptisch, bis das Gegenteil bewiesen ist – man geht zunächst davon aus, dass KI den Gewinnen schadet.

KI trifft aber nicht alle Geschäftsmodelle gleichermaßen. Manche könnten echte Probleme bekommen, vor allem, wenn sich das Angebot leicht nachbauen lässt oder der Wechsel billig ist. Andere, vor allem, wenn sie auf eigenen Zeitreihen oder integrierten Prozessen beruhen, sind mitunter wesentlich stabiler. Manche könnten von der Entwicklung sogar profitieren.

Wenn Unternehmen transparenter informieren, dürften Anleger besser über Marktvolumen, Wettbewerb und die Stabilität der Gewinne Bescheid wissen. Manche Befürchtungen könnten sich dann als übertrieben erweisen. Andere Risiken sind aber vielleicht auch größer, als man am Markt zurzeit glaubt.

Unternehmen mit nachhaltigen Vorteilen – durch große Datenbanken, Vertriebsnetze, Prozessintegration oder Vertrauen – könnten sich dann noch stärker von Firmen abheben, deren Angebot KI leicht reproduzieren kann. Nicht der ganze Sektor wird langfristig Probleme bekommen, aber innerhalb des Sektors werden die Gewinne umverteilt.

Für Investoren ist das wichtig. Bei strukturellen Veränderungen extrapoliert der Markt oft aktuelle Trends und fordert hohe Risikoprämien. Wenn aber die Unsicherheit nachlässt und wir mehr wissen, entwickeln sich die Einzelwerte meist auseinander.

Fazit

In der ersten Phase führte KI zu Verunsicherung und Kursverlusten. Jetzt könnten Transparenz und Differenzierung folgen.

Wenn führende KI-Firmen an die Börse gehen, könnte sich diese Entwicklung verstärken. Anleger erhalten dann bessere Informationen darüber, wo KI Mehrwert schafft und wo nicht. Künftig fragt man sich nicht mehr, ob KI ganze Branchen verändert, sondern, welche Unternehmen davon profitieren.

Hier kann aktives Management unserer Ansicht nach am meisten leisten. Es kann Informationen auswerten und erkennen, welche Geschäftsmodelle stabil sind – und welche durch KI obsolet werden.

 

 

Die Nennung einzelner Unternehmen dient nur zur Illustration und sollte nicht als Anlageberatung oder als Hinweis darauf verstanden werden, dass für irgendein MFS-Produkt eine Transaktion geplant ist. 

Alle Anlagen gehen mit gewissen Risiken einher, einschließlich des Risikos eines möglichen Kapitalverlusts.

Die hier dargestellten Meinungen sind die des Autors/der Autoren und können sich jederzeit ändern. Sie dienen ausschließlich Informationszwecken und dürfen nicht als Empfehlung oder Angebot zum Kauf eines Wertpapiers oder als Anlageberatung verstanden werden. Prognosen sind keine Garantien. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist keine Garantie für künftige Ergebnisse.

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